Meine liebste Kindheitserinnerung

Als ich auf beim Durchstöbern verschiedener Blogs bei Tami auf eine Blogparade mit dem Titel "Meine liebste..." stieß, war mein Interesse sofort geweckt. Ich erzähle gerne über Dinge, die mir gefallen. Das erste Thema ist nun "Meine liebste Kindheitserinnerung". Und nun sitze ich hier und frage mich, was ich dazu bloß schreiben soll.

"Nichts ist unendlich, so sieh das doch ein." ist eine Songzeile aus dem wunderschönen Lied "Als ich fortging" (meine liebste Fassung ist von Staubkind) und das trifft es ganz gut, es war eine der Grundlektionen meiner Kindheit. War meine Kindheit glücklich, so alles in allem? frage ich mich. Und finde die Frage furchtbar ironisch, in der heutigen Zeit. Schaue ich Nachrichten, schaue ich mich um, beobachte ich, dann sehe ich schrecklich viel Leid. Kinder, die in Armut aufwachsen, im Krieg, die mit furchtbaren Verlusten kämpfen, die ihre Familie und ihre Freunde verlieren und zurücklassen, ihr Land verlassen müssen, in der Fremde neu beginnen. Kinder, die Angst haben. Natürlich war meine Kindheit glücklich, möchte ich dann schreien. Wie könnte ich da was anderes behaupten. Man kann sowas aber nicht vergleichen, ganz und gar nicht, man kann nicht und man darf nicht. Denn leicht war meine Kindheit trotzdem nicht.

An meine frühe Kindheit erinnere ich mich kaum - aber sie war sehr glücklich. Mama, Papa, Hund, Haus. Ich wurde geliebt, wuchs behütet auf und hatte alles was man braucht (ich überlegte erst, ob ich über meinen roten Lieblingsmantel schreiben soll, beim Thema Kindheit, über Besuche bei meinen Großeltern und über das Walnusspflücken, aber die Erinnerungen sind alle so blass!). Es gibt viele niedliche Kinderbilder von mir. Ich erinnere mich nur nicht selbst daran, also kann ich nicht drüber schreiben.

Mit meinem geliebten roten Mantel neben meinem noch geliebteren Opa.
Und dann? Wir zogen einmal um, dann noch einmal, meine Eltern trennten sich, ich war viele allein, wurde zu Tagesmüttern gegeben, in der Schule gemobbt, war ein Außenseiter, meine Mutter zog nach Amerika, ich zu meinen Großeltern, war viel alleine, ein Außenseiter,... Was bleibt also als schönste Kindheitserinnerung, wenn die frühe Kindheit so sehr in Vergessenheit geraten ist und es danach immer irgendwie kompliziert war? Und wann endet Kindheit und beginnt "Jugend"? Die schönste Erinnerung meiner Jugend ist sicher eine ganz Andere, als die meiner Kindheit, die ich Euch jetzt erzähle.

Wenn der Alltag nicht einfach ist, dann sind die Momente, die ganz weit weg davon sind, manchmal die schönsten. Meine schönste Erinnerung fand im Dezember 2001 statt, eine Woche nach meinem elften Geburtstag. Ich reiste von meinen Großeltern, wo ich damals vorübergehend lebte, über Frankfurt nach Amerika und besuchte dort meine Mama, die mit meiner kleinen Schwester und ihrem neuen Mann bei San Francisco lebte. Von dort wollten wir mit dem Auto nach Colorado fahren, wo wir Weihnachten und Silvester verbringen wollten. Wir fuhren mit zwei Autos: Meine Mama, meine Schwester, mein Stiefvater und dessen Mutter in einem Auto; der Bruder meines Stiefvaters mit seinem Sohn und Hund im zweiten Auto. Die 1200 Meilen legten wir an drei Tagen zurück, jeweils nur ein paar Stunden Fahrt, ganz gemütlich.

Und dann erreichten wir unsere kleine Blockhütte, mitten im Wald, mitten im Schnee, mitten im Nichts. Es war ein Paradies! Es war so weit weg von allem Alltag, dass nichts Schlechtes dort Platz fand. Wir entdeckten die Umgebung, spielten im Schnee, fuhren Schlitten, wanderten stundenlang (und nörgelten nur ganz wenig dabei), aßen gut, trafen Menschen, sahen Tiere, verbrachten eine tolle Zeit zusammen. Wir spielten viele Spiele (besonders in Erinnerung bleibt mir gerade Mah-Jongg (und zwar nicht die memoryähnliche Fassung die viele von uns heute kennen, sondern das richtige Spiel!)), hörten tolle Weihnachtslieder, spielten irgendwann dann mit unseren Weihnachtsgeschenken. Ich bekam unter anderem ein Origami-Set geschenkt (eine wunderbare Kunst!), meine Schwester eine tolle Murmelbahn aus Bauklötzen (mit der man total abgefahrene Murmelbahnen durchs ganze Haus bauen konnte) und ein Kreativset aus Magneten (einer der Magnete fiel recht bald durch einen Schlitz in der Veranda, sodass wir unter diese krabbelten und ewig nach dem Teil suchten  - diese ganz geheime Teilsuchmission war fast noch toller als das Set an sich!). Ich erinnere mich gar nicht mehr so richtig an viele Einzelheiten des Urlaubs, nicht einmal mehr an Silvester. Aber es war eine wunderbare Zeit, zumindest in meinem Kopf. Idyllisch.

Und auch davon ist nichts unendlich: Meine Mutter und mein Stiefvater trennten sich viele Jahre später. Kompliziert, alles, ich sag es ja.

Was ich noch heute damit verbinde? Das Weihnachtslied "The First Nowell", die Platte "Sailing to Philadelphia" von Mark Knopfler (gehört irgendwie zur Autofahrt, aber auch noch zu weiteren USA-Besuchen), der Geschmack von Dr. Pepper, von Beef Jerky und Mamas Thunfisch-Sandwichs.

Natürlich war meine Kindheit glücklich, schließe ich zufrieden. Nicht einfach, nein, ganz und gar nicht. Aber immer wieder voller Momente des Glücks, die ich bewahre und mit denen ich alles Schlechte aufwiege. Durch diese Kindheit bin ich geworden, wer ich bin. Und wenn das kein Glück ist, dann weiß ich es auch nicht!

http://thefantasticworldofmine.blogspot.de/2015/10/meine-liebste-kindheitserinnerung-blogparade.html






 

3 Kommentare:

  1. Liebe Sprachenkünstlerin,
    danke für deinen wunderschönen, ehrlichen und persönlichen Beitrag. Es ist schön an deiner Blockhüttenerinnerung teilnehmen zu dürfen. Du hattest es sicherlich nicht einfach. Aber es ist auch schön zu lesen, dass du schließen kannst, dass deine Kindheit trotzdem glücklich war.
    Liebe Grüße
    Tami

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  2. Wow das ist wirklich ein sehr persönlicher und ehrlicher Beitrag!! Ich finde es richtig toll, dass du deine Erfahrungen so ausführlich teilst (auch wenn der Sinn eines Blogs vermutlich oft darin liegt etwas Persönliches zu teilen tue ich mir damit dann schon manchmal schwer und umso mehr bewundere ich, wenn es andere Leute tun). Auch den Kontext in den du deine Erinnerung gepackt hast, finde ich richtig toll und ich finde es bewundernswert, dass du auch bei persönlichen Erfahrungen einen Blick von außen auf die Dinge anwendest, das finde ich auch immer gar nicht so einfach.

    Liebe Grüße :)
    Kate

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  3. Hallo Schattenmalerin!
    Da ist ja ein wirklich sehr interessanter Text entstanden. Ich fands vor allem sehr erstaunlich, wie viele Parallelen so oder so ähnlich wir in unser beider Leben haben. :)

    Einen lieben Gruß
    Steffi

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