Heimatgefühl

Ihr Lieben,

schon mehrmals habe ich über das Thema geschrieben und das zeigt doch stets, wie sehr einen das beschäftigt. Wie sehr es mich beschäftigt. Zuhause sein. Ankommen. Heimat.
Vor fast drei Jahren schrieb ich:

"[...]seit einigen Tagen bin ich nun wieder in meiner WG. Mir fällt jetzt gerade erst wieder auf, wie schwierig es manchmal ist, das Wort "zuhause" zu definieren. Wo bin ich zuhause? Ist es in meiner WG, in meinem Zimmer dort, in der Stadt, in der ich lebe und studiere? Ist es dort, wo ich die letzten Jahre gelebt habe, mein Abi gemacht habe, meine besten Freunde gefunden habe, in dem Haus, das jetzt verkauft werden soll? Ist es das Haus, in dem ich gelebt habe, als ich klein war, in dem Dorf, in dem niemals Heimat für mich war? Ist es in dem Haus meiner Großeltern, in das ich wohl nie wieder kommen werde, weil es verkauft wurde? In der Wohnung, in der ich danach gelebt habe?

"Zuhause ist, wo man den Lichtschalter auch im Dunkeln findet" hab ich irgendwann mal in der Neon gelesen und mir gedacht, dass ich nicht finde, dass das stimmt. Zuhause ist, wo man sich auch ohne Lichtschalter zurechtfindet, hab ich beschlossen.

Zuhause ist, wo das Herz ist. Aber wo ist mein Herz? Dort, wo meine Erinnerungen sind? Wo Menschen sind, die ich liebe oder die mich lieben? Heißt das nicht, dass ich überall und nirgends zuhause sein kann? Ich fühle mich manchmal echt heimatlos.

Was bleibt jetzt als zuhause? Ich kann es Euch nicht sagen, ich möchte Euch nur an meinen Überlegungen daran teilhaben lassen."

Was bleibt, drei Jahre später, als zuhause? Eins weiß ich definitiv: Die WG war es nicht, war es nie. Seit offiziell einem halben Jahr - inoffiziell bereits seit eineinhalb - wohne ich nicht mehr dort. Mein Zuhause ist nun hier, mit meinem Freund und seiner Familie. Es fühlt sich nach Zuhause an.  Und doch gibt es einen Haken, irgendwas ist noch immer da, was nicht stimmt. Es ist mein Zuhause, ja. Und doch nicht meine Heimat. Zuhause und Heimat, das ist nur in den allerwenigsten Fällen äquivalent, glaube ich. Bei meinem Freund ist es das. Und das ist etwas, worin wir uns grundsätzlich unterscheiden und worauf ich ein bisschen neidisch bin. Er ist hier geboren, aufgewachsen und nur innerhalb der Stadt umgezogen um dann schließlich wieder in seinem Elternhaus zu landen. Er fühlt sich hier zuhause, es ist seine Heimat und am liebsten würde er nie woanders hingehen.


Ich bin in Kiel geboren, nach Niedersachsen gezogen, zurück nach Kiel gekommen, nach Koblenz gezogen, in die Nähe von Köln gegangen, dann mal wieder nach Niedersachsen gezogen- und da war ich erst 12. Kein Wunder vielleicht, dass ich mich nirgends zugehörig fühle und es nirgends eine Heimat für mich gibt. Sieben Jahre an einem Ort, meine gesamten letzten Schuljahre. Das war ein bisschen Heimat, vielleicht. Aber doch war mir immer klar, dass ich dort nicht bleiben würde, auf dem Dorf, mitten im Nichts. Und dann die Entscheidung, nach Kassel zu gehen. Und sobald ich hier ankam war klar, hier würde ich nicht länger bleiben als nötig. Es regnet ständig, es ist grau und nicht sonderlich einladend. Mein Studienfach war für mich schnell als Fehler festgestellt und meine Beziehung, die mich nach Kassel geführt hatte, war gescheitert. Und dann, als ich am wenigsten damit rechnete und fast schon nach Alternativen gesucht habe, dann hat mich alles auf einmal erwischt. Die Stadt hatte damit gewartet und mich dann überraschend angegriffen und von sich zu überzeugen versucht. Das Nebenstudienfach wird zur Leidenschaft, das Studieren auf einmal großartig. Auf alten Spuren, die Stadt von damals erforschen und mit diesen Kenntnissen die Stadt von heute mit vollkommen neuen Augen sehen. Versteckte Ecken entdecken und die kleinen Schönheiten der Stadt erkennen. Und dann: Mich verlieben. In einen Menschen, dem Kassel so viel bedeutet, der sein ganzes Leben hier verbracht hat.

Jetzt wohne ich also hier, in einem wunderschönen Haus, mit riesigem Garten voller Obstbäume- und Sträuche, mit Baumhaus und Hängematten, mit Atelier und allem, was man sich wünschen kann. Mit geliebten Menschen. In einem Zuhause, in dem jemand auf einen wartet, einen nach dem Tag fragt und einem zuhört. Mit dem man sich unterhalten kann, über belangloses und über das Weltgeschehen. Home, sweet home. Und dennoch bleibt ein wenig Wehmut. Denn es wird nie meine Heimat sein. Wenn ich unterwegs bin, verreise, nicht in Kassel bin, dann fehlt mir manchmal mein Zuhause - aber ist es doch eigentlich nur das Gewohnte, mein Bett, meine Arbeitsecke, meine lieben Menschen, die mir fehlen, und nicht die Stadt an sich.

Und manchmal, wenn ich aus dem Fenster sehe, die Bäume sich im Wind wiegen und ich in den Garten schaue, wenn ich meinen Freund beobachte, dann weiß ich, dass ich mich hier niemals fühlen werde wie er. Ich finde den Lichtschalter nicht im Dunkeln. Und ohne Licht, stoße ich mir ständig die Füße, an den Türen, an der Treppe, an den Schränken. Irgendwann vielleicht, wird das anders sein. Irgendwann vielleicht, werde  ich aber auch etwas eigenes haben, etwas, wo ich den Lichtschalter selbst hingebaut habe. Etwas, wo meine Kinder aufwachsen, was nur unsers ist. In einer Stadt, in der ich mich rundum wohl fühle. Ist das Kassel? Kann es das jemals sein? Wo kann es sonst sein? Kann ich, die ich so oft umgezogen bin, jemals eine Stadt finden, in der ich ohne Zweifel bleiben kann?

Ich fühle mich rastlos und weiß nicht, wo mein Weg hingeht. Wo unser Weg hingeht. Denn damit bin ich mir sicher: Mein Zuhause liegt in den Armen des Menschen, den ich liebe.

Habt ihr eine Heimat?
Alles Liebe,

Eure Schattenmalerin

1 Kommentare:

  1. Dieser Eintrag von dir hat mich sehr bewegt! Ich habe drüber nachgedacht und ja! Ich habe eine Heimat! In einem Ort in dem ich seit Geburt an lebe! Und in den Armen meines geliebten Freundes! Und vllt auch noch eine dritte. In unserm Urlaubsort. Dort wo Hotelbesitzer zu unendlich guten Freunden wurden die uns so nahe stehen. "Da wo dein Hert ist, da wird auch dein Schatz sein" singt Bodo Wartke... Home is where your heart is... und so ist es! Mein zuhause ist die Wohnung in der wir leben...meine Heimat ist der Ort in dem ich lebe...zuhause bin ich bei meinen geliebten Menschen!

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